Wie ist der Brauch entstanden?
Im 19. Jahrhunderts stand nicht immer die Romantik im Vordergrund, sondern oft der soziale Stand der jungen Menschen. So konnte es vorkommen, dass junge Leute schon in der Wiege einander versprochen wurden, ein Brauch, der sogar im Erbacher Landrecht von 1552 empfohlen wurde.
Doch es gab auch Gelegenheiten für ungezwungenes Kennenlernen; die Spinnstube. Bei fröhlichen Abenden in den Bauernhöfen während der Winterzeit, gefüllt mit Tanz, Gesang und Lachen, kamen die jungen Leute zusammen.
Manchmal halfen auch sogenannte „Schmuser“ nach. Diese Viehhändler, Schneider oder Schuster nutzten ihre Kontakte, um als Vermittler zwischen den Familien eine Eheschließung anzubahnen. Unabhängig vom Weg des Kennenlernens war die gesellschaftliche Stellung des Paares jedoch immer entscheidend für die Erlaubnis zur Hochzeit.


Wie wird der Brauch gelebt?
Nachdem die Entscheidung für das Paar gefestigt war, begannen die beschwerlichen Schritte zur eigentlichen Trauung. Zuerst mussten die Eltern zustimmen, was sogleich zu den oft zähen Verhandlungen über die Mitgift führte. Hier trafen die Väter als typische Odenwälder „Knorrnkepp“ (ein derber Begriff) aufeinander. Es ging nicht nur um Haus oder Hof, sondern jedes Detail wurde penibel geregelt; vom Hausrat und der Wäsche über das Vieh bis hin zu den Arbeitsutensilien. Es wurde derb gefeilscht, und wenn es um die „Sach“ – die Mitgift – ging, gab es keine Gnade. War man sich einig, besiegelte ein kräftiger Handschlag den Pakt.
Nun folgten die aufwendigen Vorbereitungen. Die Hochzeitstracht musste geschneidert und die Hochzeitskrone, ein kunstvoller, mit bunten Glasperlen bestickter Kranz, der oft von Generation zu Generation weitergegeben wurde, gerichtet werden. Geschlachtet, gebacken und gekocht wurde für das große Fest.
Der Hochzeitslader, meist ein Pate oder guter Bekannter, wurde auf den Weg geschickt. Er überbrachte die Einladung, oft in Versform, persönlich am Sonntag vor der Hochzeit. Da der Lader stets ein willkommener Gast war, wurde ihm bei jedem Besuch ein Glas Schnaps, Wein, Bier oder Apfelwein gereicht, sodass er nicht selten mit der nötigen „Bettschwere“ zu kämpfen hatte. Böse Zungen wussten sogar zu erzählen, mancher hätte seine Runde nicht beendet und erschöpft im Heu geschlafen, um das Werk erst am nächsten Tag zu vollenden.
Der große Tag und die Feierlichkeiten
Endlich war er da, der Hochzeitstag. Meist fiel er auf einen Donnerstag, dem Tag, der dem Gott „Donar“ geweiht war, um ein langes und glückliches Eheleben zu sichern. Aberglaube gehörte eben dazu. Hektik und Aufregung prägten den Tag, denn Kirche und Festsaal mussten geschmückt und das Essen vorbereitet werden.
Der Hochzeitszug formierte sich. Zur Feier des Tages läuteten dem Odenwälder alle Glocken. An der Spitze gingen das Brautpaar und ihre Paten, die als Trauzeugen fungierten. Es folgten die sogenannten „Schmollmädchen“ (vom Mittelhochdeutschen smielen, was „lächeln/aufheitern“ bedeutet) und die „Zuchtknechte“, die für Zucht und Ordnung sorgten. Danach kamen die Eltern, die geladenen Gäste und schließlich die jungen Mädchen und Burschen. Ein junger Mann eilte dem Zug mit dem Hochzeitsstecken voraus, einem Stab geschmückt mit einem geflochtenen Kranz und bunten Bändern.
Vor der Kirche, wo der Pfarrer sie in Empfang nahm, stand das Brautpaar in seiner Tracht:
– Die Braut trug eine weiße seidene Schürze, ein weißes Schultertuch, mit silbernen Spangen verzierte Schuhe und die Brautkrone (Schäpli). Rosmarinzweige zierten das Mieder.
– Der Bräutigam trug eine hirschlederne Kniebundhose, eine bunte oder dunkle Weste, einen blauen Tuchrock und den Odenwälder Dreispitz mit der Spitze nach vorne. Er ging auf der rechten Seite der Braut in die Kirche.
Nach der Zeremonie wechselte der Bräutigam auf die linke Seite der Braut, und der Ehemann musste nun seinen Dreispitz mit der flachen Seite nach vorne tragen. Am Kirchenausgang schenkten Freunde dem Paar Brot und Salz, als Wunsch, dass Armut niemals Einzug halten möge. Kinder versuchten, Seile über den Weg zu spannen oder den Brautschuh zu stehlen. Der Bräutigam kaufte sich seinen Weg ins Eheleben frei, indem er großzügig kleine Münzen und Süßigkeiten auswarf.
Der Festzug zog zum Saal. Nach Kaffee und Kuchen folgte das üppige Hochzeitsessen, das trotz der Armut im Odenwald reichlich gefeiert wurde. Ein typisches Menü umfasste Suppe, Gemüse, Fleisch mit Meerrettich und zum Schluss Braten mit Beilage. Als alle gesättigt waren, wurde zum Tanz aufgespielt. Nach dem Eröffnungstanz des frischvermählten Paares kam eine ausgelassene Stimmung auf.
Erst um Mitternacht wurden die Geschenke überreicht. Das bedeutendste war das „Gotekissen“, ein großes, mit Gänsefedern prall gefülltes Kissen, das mit bunten Bändern geschmückt war und dessen Füllung für das ganze neue Bettzeug reichte.
Nach Mitternacht stimmten die „Schmollmädchen“ ein Lied an:
„Braut, zieh nun Dein Kränzlein aus,
sei jetzt Frau in diesem Haus!
Veilchen blau und grün der Klee,
Heute Jungfer und nimmermeh!“
Vorsichtig wurde die Brautkrone der Braut abgenommen und verpackt, um erst wieder bei den Nachkommen zu Ehren zu kommen. So sah er aus, der Odenwälder Hochzeitsbrauch um 1850.



