Wie ist der Brauch entstanden?
Es gibt eine mystische Zeit im Jahr, die zwischen dem Lichterglanz von Weihnachten und dem Fest der Heiligen Drei Könige am 6. Januar liegt. Im Volksmund wird sie die „Zeit zwischen den Jahren“ genannt, zwölf Nächte lang, aufgeteilt in je sechs Nächte im alten und im neuen Jahr. Diese besondere Zeit ist auch bekannt als „die toten Tage“ oder „die Nächte außerhalb der Zeit“.
Die tiefe Bedeutung dieser Rauhnächte wurzelt im alten Aberglauben der germanischen Mythologie. Man erzählte sich, dass in diesen Nächten der grimmige Göttervater Odin (Wotan) mit seinem wilden Heer lärmend durch die Lüfte fegt und dabei böse Geister und Dämonen mit sich reißt. Wer töricht genug war, sich ihm in den Weg zu stellen, war für immer verloren.
Der Ursprung dieser zwölf verbleibenden Nächte geht auf eine ältere Zeitrechnung, den Mondkalender, zurück. Während der heutige Gregorianische Kalender 365 Tage zählt, kam der Mondkalender nur auf 354. Diese elf Tage Differenz waren die „Tage außerhalb der Zeit“. Die Mythologie besagt, dass in dieser Spanne die Naturgesetze außer Kraft gesetzt waren, und die bösen Geister und Dämonen die Oberhand gewannen. Es war eine „dunkle Zeit“. Da es die Elektrizität unserer heutigen Form noch nicht gab, wurde die Dunkelheit im flackernden Schein des Kerzenlichts als wesentlich intensiver und bedrohlicher wahrgenommen als heute. Die Angst war so groß, dass sich eine Vielzahl an Bräuchen und Ritualen entwickelte, um sich vor dieser Bedrohung zu schützen.
Wie wird der Brauch gelebt?
Angesichts dieser bedrohlichen Dunkelheit rückten unsere Vorfahren eng zusammen, suchten Schutz in der Familie und versuchten so, ihre Ängste zu besiegen. Sie erzählten sich Märchen und unheimliche Geschichten von Begegnungen, die selbst erlebt oder glaubhaft überliefert waren. Im Alltag bestimmten bald Rituale, wie man sich zu verhalten hatte, um Schutz vor bösen Mächten zu finden.
Beispiele für diese Regeln waren
– das Haus musste aufgeräumt sein
– schwere Arbeit war untersagt
– Kartenspiel war verboten
– Türen durften nicht laut zugeschlagen werden
– das Haare- und Fingernagelschneiden war untersagt
– Wäsche waschen und aufhängen war verboten
– Frauen und Kinder durften bei Einbruch der Dunkelheit das Haus nicht mehr verlassen
– Haus und Stall wurden ausgeräuchert
Eines der zentralen Rituale war das Ausräuchern von Haus und Stall. Mit einer Räucherpfanne und zuvor gesammelten, zum Glimmen gebrachten Kräutern, wie Misteln, Salbei, Thymian, Beifuß, Wacholder, Johanniskraut und Schafgarbe wurden die Räume im Uhrzeigersinn begangen. Keine Ecke durfte ausgelassen werden. Danach erfolgte die Räucherung in umgekehrter Richtung. Wichtig war, dass dabei ein Fenster oder eine Öffnung leicht geöffnet blieb, damit die bösen Geister oder Dämonen entweichen konnten. Unterstützt wurde diese Maßnahme durch lautes „Peitschenknallen“.
Dieser laute Brauch hat sich bis in unsere Zeit erhalten. Das Silvesterfeuerwerk soll die bösen Geister durch Lärm vertreiben, um unbeschwert ins neue Jahr zu gleiten. Ein weiterer, bis heute populärer Brauch ist das Bleigießen. Hierbei wird ein Stück Blei mit einem Löffel über einer Kerze verflüssigt und in kaltes Wasser gegossen. Die schnell erstarrten, bizarren Formen wurden vom Bleigießer gedeutet, um die Zukunft zu orakeln.
In der letzten Rauhnacht gehört auch die Neujahrsbrezel zum Ritual. Ihre verschlungenen Hefeteigrollen stellen die gekreuzten Arme eines betenden Mönches dar.
Auch das zwischenmenschliche Verhalten war in den Rauhnächten geregelt:
– Ausgeliehene Gegenstände sollten an den Besitzer zurückgegeben werden.
– Gegebene Versprechen waren einzulösen.
– Schwelende Streitigkeiten sollten beigelegt werden.
Des Weiteren nutzte man die Rauhnächte für Wetterprognosen. Man schälte Zwiebeln und legte die Schalen, jeweils für einen Monat, in zwölf Blumentöpfe, bestreut mit Salz. Die gezogene Feuchtigkeit verriet, ob der Monat im kommenden Jahr trocken oder feucht werden würde.
Obwohl der tiefere Sinn der Rituale bei den meisten längst in Vergessenheit geraten ist, sollte man sich an die Botschaft dieser Zeit erinnern. Der Zeitraum „zwischen den Jahren“ ist auch heute noch eine kostbare Gelegenheit, einmal innezuhalten, auf das Vergangene zurückzublicken und Kraft und neue Energie für das Kommende, das Unbekannte, zu schöpfen.

