Wie ist der Brauch entstanden?
Die kleine hessische Stadt Herbstein, eine katholische Enklave inmitten eines protestantischen Umfelds, hat eine außergewöhnliche Fastnachtstradition bewahrt, die „Foaselt“ genannt wird. Dank dieser konfessionellen Isolation konnten uralte Bräuche vor dem Vergessen bewahrt werden.
Die Ursprünge des Springerzugs reichen weit zurück und zeigen eine bemerkenswerte Verbindung zu Tirol.
Viele Jahrhunderte lang arbeiteten Tiroler Handwerker, vor allem Steinmetze und Maurer, in Herbstein. Sie waren in der frühen Neuzeit gezwungen, ihre Heimat in den Alpen aufgrund von Überbevölkerung zu verlassen und suchten in katholischen Orten wie dem ideal gelegenen Herbstein Arbeit.
Diese Wanderarbeiter brachten ihre Bräuche mit. Der Herbsteiner Bajazz, der dem Rosenmontagsumzug voranspringt, weist große Ähnlichkeiten mit dem „Buijazzl“ oder „Bajatzl“ auf, einer Figur, die auch heute noch in Tiroler Fastnachtszügen, etwa in Axams oder Fiss, an der Spitze springt.
Das erste der sechs Springer-Pärchen, das sich vom Rest deutlich abhebt, wird bezeichnenderweise als „Tiroler Pärchen“ bezeichnet und trägt eine typische Tiroler Bauerntracht. Die hohen, spitzen Kopfbedeckungen der Pärchen finden sich ebenfalls in ähnlicher Form bei Tiroler Fastnachtsfiguren.
Die Pärchen stellen in einem bildhaften Kontrast den siegreichen Frühling dar, symbolisiert durch das schön gekleidete, jugendliche und kraftvolle Tiroler Pärchen, das dem dürren, alten Winter voranspringt. Letzterer wurde bis in die sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts durch den Mann des folgenden Pärchens dargestellt, der einen Hut aus Stroh trug, einem Symbol des unfruchtbaren Winters.
Auch das traditionelle „Aufspielen“ des Springerzugs vor den Häusern angesehener Bürger und Geschäftsleute, bei dem die Geehrten durch Hochspringen hochleben gelassen werden, um eine Spende zu empfangen, verweist auf einen alten Tiroler Heischebrauch.


Wie wird der Brauch gelebt?
Der Höhepunkt der „Foaselt“ ist der Rosenmontag, an dem um 10:11 Uhr der Bajazz mit seinen sechs Pärchen zur Stelle ist.
Der Springerzug
Dem Umzug voran springt der Bajazz, gefolgt von seinen Pärchen, die gemeinsam den „Herbsteiner Springerzug“ bilden. Ihre akrobatischen Sprünge sind ein zentrales und anspruchsvolles Element des Brauchtums.
Die Narrenschar
Dem Bajazz folgt eine farbenfrohe Narrenschar aus vielen weiteren Traditionsfiguren mit uraltem heidnischem Ursprung.
Sinnbilder des Wechsels
Der Erbsenstrohbär, eine in vielen Fastnachtsregionen bekannte Traditionsfigur, symbolisiert den Winter, der nun an die Kette gelegt wird und dem Frühling weichen muss. Er wird am Rosenmontag in ein aus Erbsenstroh geflochtenes Gewand genäht und von seinem maskierten Treiber an einer Kette durch die Straßen geführt.
Das Siebpferdchen, eine Scheinreiterfigur, deren Name auf die ursprüngliche Bauweise aus am Körper befestigten Getreidesieben verweist, sowie der Storch, das traditionelle Symbol für Fruchtbarkeit und den nahenden Frühling, nehmen ebenfalls am Zug teil.
Die Kehrer: Eine Figur, die 2012 wiederbelebt wurde, ist der „Kehrer“. Er hüpft vor dem Bajazz her und hat die wichtige Aufgabe, symbolisch den „Winter“ von der Straße zu fegen, damit der Bajazz und seine Pärchen springen können.



