Wie ist der Brauch entstanden?
Tief verwurzelt in den Traditionen des Odenwaldes lebt ein uralter Brauch wieder auf; das Gestalten von Binseneiern. Es ist eine Tradition, deren Wurzeln mutmaßlich bis in die vorchristliche Zeit zurückreichen. Damals, als die Menschen nur zwei Jahreszeiten kannten, den kalten Winter und den lebensspendenden Sommer, symbolisierte das Schmücken der Eier mit Binsen den magischen Übergang von der Kälte zum Licht, vom Stillstand zur Sommerzeit.
In unserer modernen, oft schnelllebigen Zeit, ist das Basteln dieser feingliedrigen Kunstwerke beinahe in Vergessenheit geraten. Osterschmuck gibt es heute überall zu kaufen, und die Mühe, eigene Kreativität zu entfalten, scheint unnötig geworden zu sein. Umso wichtiger ist es, dass heute wieder junge Menschen zusammenkommen, um unter erfahrener Anleitung diesen Brauch neu zu beleben und die alte Kunst des Binseneigestaltens zu pflegen.
Ein Binsenei ist dabei weit mehr als nur Dekoration; es ist ein Träger von tiefgründigen Symbolen und Farben.
– Die Spirale windet sich als Zeichen des ständig erneuerbaren Lebens.
– Blumen und Blüten verkünden Freude, Liebe und Glück.
– Der Kreis, ohne Anfang und Ende, symbolisiert die Unendlichkeit.
Diese Symbole, oft eingebettet in die Grundfarben Rot, Blau und Grün, erzählen eine eigene Geschichte auf den filigranen Eiern. Die fertigen Binseneier werden traditionell dazu genutzt, Sträucher und Sträuße in der Osterzeit zu schmücken und ihnen einen ganz persönlichen, frühlingshaften Zauber zu verleihen.

Wie wird der Brauch gelebt?
Das Herzstück des Binseneies ist das weiche, weiße Mark der Binse, welche bereits im zeitigen Frühjahr in leuchtendem Grün aus den Feuchtgebieten sprießt. Bevor die Natur so richtig zu wachsen beginnt, muss man frische Binsen in ausreichender Menge pflücken. Sollten sie nicht sofort verarbeitet werden, bleiben sie in einer Blumenvase frisch, wie ein Blumenstrauß.
Die Gewinnung des Binsenmarks ist ein einfaches, aber fast magisches Ritual:
– Man benötigt zwei Stecknadeln.
– Diese werden überkreuz an der Binsenspitze eingestochen und vorsichtig nach unten gezogen.
– Wie ein Vorhang teilt sich die äußere, grüne Hülle, und das weiche, schwammige Mark kommt zum Vorschein.
Als Basis für die Binseneier dienen ausgeblasene Hühnereier. Hier ist etwas Kraftanstrengung gefragt, um durch die vorsichtig angestochenen Löcher den Inhalt vollständig zu entfernen.
Sobald alle Vorbereitungen getroffen sind, beginnt die eigentliche Gestaltung. Mittels tropffreiem Kleber werden zunächst eventuelle Borden, Wollfäden oder Stoffreste aufgeklebt. Die nun entstehenden Zwischenräume werden mit dem Binsenmark gefüllt und so die unterschiedlichsten, bedeutungsvollen Symbole auf das Ei gezaubert. Manche Binseneier werden auch nur mit dem Mark der Binse geschmückt, um die reine Schönheit des Naturmaterials hervorzuheben.
Als letzter Schritt wird die Hängevorrichtung angebracht. Ein mit einem Faden umwickeltes Streichholz wird durch das Loch ins Innere geführt. Ein leichter Zug am Faden lässt es quer legen, und ein Tropfen Kleber fixiert es, um die Aufhängung zu sichern.
Das Binsenei ist fertig, ein kleines, selbstgeschaffenes Kunstwerk, das nun als vielfältiger Osterschmuck an Büschen, Sträuchern oder Sträußen einen Hauch von Tradition und Frühlingszauber in die Welt trägt.



