Kerb im hinteren Odenwald

Wie ist der Brauch entstanden?

Die Kerb im Odenwald ist weit mehr als nur ein Fest, sie ist ein Feuerwerk der Heimatliebe, Tradition und Lebensfreude. Über Generationen hinweg war und ist die Kerwe oder Kerb das bedeutendste Fest, an dem das gesamte Dorf zusammenkommt, um drei Tage lang die Seele baumeln zu lassen.

Der Ursprung der Kerb, die man auch Kirchweih nennt, liegt in der Weihe der Dorfkirche an ihren Schutzpatron. Weil der Namenstag des Schutzheiligen jedoch nicht immer auf ein Wochenende fiel, wurde das Fest, durch eine Kirchenverordnung auf das darauf folgende Wochenende verlegt.

Die Geschichte der Feierlichkeiten ist nicht ohne Hürden. So kam es im Jahr 1573 in Hessen zu einem Verbot der Kerb unter Androhung von Strafe. Als Begründung wurde der katholische Ursprung des Brauchtums angeführt sowie die Behauptung, dass es bei diesen Festen durch übermäßiges „Fressen und Saufen“ zu Schlägereien kommen würde. Dieses Verbot konnte sich jedoch nie wirklich durchsetzen. Die Odenwälder fanden stets neue Wege, es zu umgehen, und so blieb die Kerb, neben den Schützenfesten, die wichtigste Festlichkeit im Ort.

Wie wird der Brauch gelebt?

Schon eine Woche vor dem eigentlichen Fest beginnt das fieberhafte, freudige Treiben im Dorf. Die Kerbburschen, unverheiratete junge Männer, übernehmen die Organisation und überwachen den Ablauf. Das ganze Haus wird zur Backstube, Koch- und Bratküche, um Gäste aus Nah und Fern mit Köstlichkeiten zu versorgen. Beliebte Kuchen sind „Riwwelkuche, Appelkuche, Käse- und Zimtkuche“. Gleichzeitig deckt sich der Wirt der Dorfschänke mit ausreichend Getränken ein, denn nichts wäre schlimmer, als dass beim Kerwefest die Kehlen trocken blieben.

Die feierliche Eröffnung: Ausgraben und Umzug

Die Kerb beginnt nicht einfach, sie muss „ausgegraben“ werden. Unter lautem Wehklagen wurde nach dem Ende des Vorjahres ein steinerner Weinkrug mit Wein oder Apfelwein vergraben, der nun wieder ans Tageslicht geholt wird.

Der Kerwezug bildet den Auftakt zum eigentlichen Fest. Der farbenfroh mit Birken (Mayen) und bunten Papierbändern geschmückte Ort wird von fantastischen Gestalten belebt:

Der Kerwepfarrer führt den Zug an, begleitet von seinem Mundschenk.
Junge Burschen und Mädchen folgen mit dem Kerwebaum.
Man sieht die Schlumpel, Schimmelreiter, Schornsteinfeger mit Leiter und die aus der Fastnacht bekannten Bajasse.
Der Zug endet an der Dorfschänke, wo der Kerwebaum oder Kranz als sichtbares Zeichen der Feier aufgestellt oder aufgehängt wird.
Der Kerwepfarrer, oft als evangelischer Geistlicher verkleidet, erklimmt seine Stehleiter. Aus einem dicken Buch verliest er in Versform oder als Anekdote die Geschichten, die sich im vergangenen Jahr im Ort zugetragen haben.
Zwischen den Anekdoten ertönt der Ruf:
„Kamerad schenk oi, es muss emol getrunke soi!“
Am Ende seines Berichts gipfelt die Zeremonie im alles entscheidenden Ruf:
„Wemm is die Kerb?“
Die versammelte Kerwegemeinde antwortet laut und inbrünstig:
„Unser!“
Mit diesem kraftvollen Ausruf sind die Feierlichkeiten offiziell eröffnet.

Tanz, Musik und Ekstase bis in den Morgen

Jung und Alt strömen in den leeren Tanzsaal der Dorfschänke, um zu tanzen, zu singen und ausgelassen zu feiern. Immer wieder unterbricht der Ruf „Wemm is die Kerb?“ die Musik, gefolgt von der bekräftigenden Antwort „Unser!“.
Die Musikanten spielen die altbekannten Weisen, den „Schnicker“, den „Trippler“, den „Schleifer“, Polka, und natürlich den Odenwälder Nationaltanz, den „Dreischrittdreher“. Bis in die frühen Morgenstunden wird getanzt und gesungen, wobei sich die Älteren meist am Rand des Geschehens an dem Trubel erfreuen.
Ein besonderer Höhepunkt ist die Mitternachtsaufteilung der Musik in Streicher (im Saal) und Bläser (im Freien), die im Wechsel aufspielen. Die Musik verebbt, bis nur noch das rhythmische Klatschen und Stampfen zu hören ist, das in einem gesungenen „Tralalala“ und einem abschließenden Schlussstampf endet.

Der Kerwemontag und das wehmütige Ende

Der Kerwemontag ist den Ortsansässigen vorbehalten; während der Sonntag dem Feiern mit auswärtigen Gästen gewidmet war, bleiben die Dorfbewohner nun unter sich. Das Fest klingt langsam aus, oder wie man im Odenwald sagt: „Es spitzt sich zu“. Der Ausruf „Wemm is die Kerb? – Unser!“ ist nicht mehr so laut wie am Vortag, das Kerwegeld neigt sich dem Ende zu, die Tanzpaare werden weniger.
Dennoch gibt es noch einen Höhepunkt: den Schürzenwalzer. Dabei werden zwei Frauen ihrer Schürzen beraubt und den Männern zugeworfen. Der schnellste Mann, der seine Schürze umbindet, darf mit der Frau seiner Wahl tanzen, dem Verlierer bleibt der Tanz mit dem Reisigbesen.
Pünktlich um Mitternacht des Montags ist die Kerb vorbei. Beim Schlagen der Kirchturmuhr wird zum letzten Tanz, dem „Kehraus“, aufgespielt.

Der Abschied ist schmerzlich. Unter lautem Jammern und Wehklagen wird die Strohpuppe verbrannt oder der Weinkrug bis zum nächsten Jahr vergraben. Doch die Erinnerung bleibt, und lange noch hallt der wilde Ruf im Gedächtnis nach:

„Wemm is die Kerb? – Unser!“