Entwicklung des Stellmacher-Handwerks
Die Bezeichnung Wagner, Stellmacher und Rademacher meinen alle den annähernd gleichen Beruf. Im Niederdeutschen Raum gilt Stellmacher bzw. Rademacher, im oberdeutschen Raum steht dafür Wagner. Alle Bezeichnungen gehen zurück auf die wichtigsten Produkte des jeweiligen Handwerks, nämlich den Wagen, das Gestell des Wagens oder Pfluges und das Rad. Die Herstellung von Wagen und Kutschen war Aufgabe mehrerer Handwerke. Der Wagner fertigte das Gestell, die Räder und den Kasten. Der Schmied hatte für die Vielzahl von Beschlägen zu sorgen. Scharniere, Schlösser und Bänder und das Hemmzeug (Bremse) kamen vom Schlosser. Der Sattler garnierte den Wagen (Lehnen, Sitze) und erledigte sogenannte schwarze Arbeit (Bekleiden der Kotflügel mit Leder, Anbringung der Dachleder und des Riemenzeugs). Für die Lackierung war schließlich der Maler zuständig. Das Aufziehen der eisernen Reifen auf die Wagenräder war gemeinsame Sache von Wagner und Schmied.
Die Entwicklung des Wagnerhandwerks hängt eng mit der des Transport- und Verkehrswesens zusammen. In den Städten waren vor allem Karren und kleine Wagen gebräuchlich. Beim Transport über Land blieben bis ins 12. Jahrhundert Reitpferd und Zaumroß die wichtigsten Beförderungsmittel. Später entwickelte man unter Berücksichtigung der miserablen Wegeverhältnisse sogenannte Lannenfahrzeuge, vor denen die Zugtiere nicht nebeneinander, sondern hintereinander gingen. In gebirgigen Gegenden hielten sich solche Fahrzeuge bis ins 18. Jahrhundert.
Die beginnende industrielle Fertigung landwirtschaftlicher Maschinen wirkte zunächst stimulierend auf das Wagnerhandwerk, da die Fabriken anfangs weniger Geräte als vielmehr deren Einzelteile (etwa Pflugscharen, Zahnräder, Wagenachsen) anboten, welche die Wagner in eigene Geräte einbauten. Reparaturen beschäftigten die Wagner stets mehr als die Neuanfertigungen. Die Fortschritte im Wagen- und Gerätebau im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert gingen einher mit der vermehrten Verwendung von Eisen und Stahl. Die Wagner gerieten deshalb gegenüber den Schmieden immer mehr ins Hintertreffen. Den endgültigen Niedergang des Wagnerhandwerks läutete die Patentierung des gummibereiften Ackerwagens ein.

Tätigkeiten eines Stellmachers
ErsDie vergleichsweise kurze Lehrzeit betrug im Wagnerhandwerk im Allgemeinen zwei Jahre. Die für die Meisterprüfung erforderliche Wanderzeit war auf fünf Jahre angesetzt. In städtischen Wagnerbetrieben arbeitete neben Meister und Lehrling meist ein Geselle, auf dem Lande dürften die Meister alleine bzw. unter Mithilfe von Familienangehörigen produziert haben.
Die vornehmsten Produkte der Wagner waren selbstredend Wagen und Karren unterschiedlichster Ausführung. Daneben stellten sie, in nicht zu verachtendem Umfang, Arbeitsgeräte für die Landwirtschaft (Pflüge, Eggen) und auch Dinge wie Werkzeugstiele her. Die Einzelteile zu den Wagen und Geräten zeichnen sich durch geschwungene Formen und unregelmäßige Querschnitte (z.B. Radspeichen) aus und machen eine Bearbeitung mit speziellem Werkzeug notwendig. Beile und Ziehmesser, spezielle Hobel, Haltevorrichtungen wie Radstöcke zum Zusammensetzen des Rades oder die Schneidbank zum Einspannen kleinerer Teile während der Bearbeitung mit dem Ziehmesser, sind wichtige Werkzeuge. Verschiedene Sägen und die eindrucksvollen Nabenbohrer waren für den Wagner ebenso unentbehrlich wie Schablonen für Werkstücke, die sich in jeder Wagnerwerkstatt in großer Zahl fanden. Sie waren auf den späteren Besitzer des Stücks (so bei Werkzeugstielen) oder den entsprechenden Typ des Geräts bzw. Wagens zugeschnitten. Die Schablonen stellten das wichtigste Hilfsmittel bei der seriellen und doch individuellen Anfertigung von Einzelteilen dar.
Die enormen Belastungen, denen die Produkte des Wagners ausgesetzt waren, erforderten die sorgfältige Auswahl des Materials. Das zähe Eschenholz eignete sich vorzüglich zur Herstellung von Speichen und Wagengestellen. Ulmen- und Eichenholz diente ähnlichen Zwecken. Für den Wagenkasten kam hauptsächlich Buchenholz in Betracht. Meist wurde das Rohmaterial vor Ort beschafft.

Werkzeuge eines Stellmachers
Quellen
- Autor: Otto Kettemann
- Brockhaus Konversationslexikon, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896, Bd. 16, S.1037
- Lexikon des alten Handwerks, C.H. Beck München
- Handwerkszeug und bäuerliches Arbeitsgerät in Franken, Verlagsdruckerei Schmidt, Neustadt a.d. Aisch
- Geschichte des Handwerks, Edition XXL GmbH, Fränkisch-Crumbach, 2019
- ARD Mediathek, Handwerkskunst

